Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Burghardt,
sehr geehrte Damen und Herren des Magistrats,
auf unserer Jahreshauptversammlung am 2. Juni 2026 hat die Lage in der Rüsselsheimer Innenstadt die Versammlung überschattet. Über alle Teilnehmenden hinweg herrschte Einigkeit: So kann es nicht weitergehen. Diesen Brief richten wir deshalb offen an Sie und an unsere Mitglieder, die uns mit ihren Erfahrungen aus dem täglichen Geschäftsbetrieb getragen haben.
Worum es geht
Unsere Mitglieder – Inhaberinnen und Inhaber von Geschäften, Praxen und Dienstleistungsbetrieben im Herzen der Stadt – beklagen seit Monaten dieselben Missstände:
• offener Drogenkonsum und -handel im öffentlichen Raum,
• dauerhaftes Herumlungern in den Geschäftslagen,
• eine als unzureichend empfundene Polizei- und Ordnungspräsenz.
Viele Mitglieder sprechen von einem gefühlt rechtsfreien Raum. Das schadet dem Geschäftsleben unmittelbar und beschädigt das Erscheinungsbild unserer Stadt.
Die Sorgen sind dokumentiert
Wir tragen hier keine Stimmungslage vor, sondern eine belegte Lage. Die Stadt selbst benennt Schmierereien, Gewalt, Müll und Pöbeleien als Probleme und hat zum 01. Juli 2025 eine Gefahrenabwehrverordnung mit einem Waffen- und Messerverbot für die Innenstadt erlassen. Im Rahmen des Programms „Sichere Innenstadt“ werden wiederholt Betäubungsmittel sichergestellt unter anderem am Löwenplatz und im Verna-Park, und es kam zu Festnahmen mutmaßlicher Dealer. Eine Verbotszone wird nur dort eingerichtet, wo ein Problem besteht. Genau dieses Problem erleben unsere Mitglieder täglich.
Wir erkennen ausdrücklich an, dass die Stadt das Thema nicht ignoriert. Das Projekt „Zukunft Innenstadt“ mit den Schwerpunkten Sicherheit, Sauberkeit und Service weist in die richtige Richtung, und die Aufnahme Rüsselsheims in das Bund-Länder-Programm „Wachstum und nachhaltige Erneuerung“ mit einem Investitionsvolumen von rund 17,5 Millionen Euro für die Jahre 2026 bis 2035 ist ein wichtiges Signal. Doch Förderprogramme und langfristige Quartiersentwicklung lösen das Sicherheitsproblem von heute nicht. Unsere Mitglieder brauchen eine spürbare Verbesserung im Alltag jetzt.
Die Ungleichbehandlung, die besonders verärgert
Besonderen Unmut löst der Umgang mit dem ruhenden Verkehr aus. Gehbehinderte Menschen, die vor unseren Geschäften kurz zum Aussteigen halten, werden mit Verwarnungen von 50 Euro belegt. Gleichzeitig bleibt Wildparken etwa auf Krankentransport-Parkplätzen und das Durchfahren der Fußgängerzone vielfach ohne Konsequenz. Diese Ungleichbehandlung ist für unsere Mitglieder nicht hinnehmbar. Sie trifft die Kundschaft und die Betriebe, während die eigentlichen Verstöße folgenlos bleiben.
Was wir erwarten
- Sichtbare Präsenz von Polizei und kommunalem Ordnungsdienst in den Geschäftslagen, insbesondere am Löwenplatz und im Verna-Park, zu den Öffnungszeiten des Einzelhandels.
- Konsequente Durchsetzung der Waffenverbotszone und der Gefahrenabwehrverordnung nicht nur auf dem Papier.
- Faire und einheitliche Verkehrsüberwachung: Vorrang für die Ahndung von Wildparken und Durchfahrten der Fußgängerzone statt Verwarnungen gegenüber Menschen mit Gehbehinderung.
- Ein verbindliches Erstgespräch zwischen Stadt, Ordnungsbehörden und Gewerbeverein, in dem konkrete Maßnahmen und ein Zeitplan vereinbart werden.
Unser Angebot
Der Gewerbeverein 1888 e.V. vertritt seit über 135 Jahren die örtliche Wirtschaft und zählt heute 183 Mitglieder. Wir verstehen uns nicht als Kritiker am Rand, sondern als Partner. Wir bringen unsere Ortskenntnis, unser Netzwerk und unser Engagement ein etwa mit Veranstaltungen wie dem verkaufsoffenen Main-Sonntag und dem Rieslingsonntag, die die Innenstadt beleben.
Konkret werden wir in den nächsten Wochen die Gewerbetreibenden rund um den Löwenplatz aktiv befragen, welche Nutzung und Aufwertung dieses Platzes sie sich wünschen. Die Ergebnisse stellen wir Ihnen gerne zur Verfügung und sehen darin eine Grundlage für eine gemeinsame Stadtentwicklung, die von den Betroffenen getragen wird.
Um einen dauerhaften und konstruktiven Austausch zu gewährleisten, laden wir Sie, Herr Oberbürgermeister Burghardt, hiermit ausdrücklich ein, künftig regelmäßig an unseren Vorstandssitzungen teilzunehmen. So schaffen wir eine verlässliche Gesprächsgrundlage, vermeiden ein öffentliches Hin und Her und halten die Themen dort, wo sie hingehören: in einem sachlichen, lösungsorientierten Dialog.
Eine lebendige, sichere Innenstadt ist unser gemeinsames Ziel. Lassen Sie uns sie gemeinsam erreichen.
Wir bitten um eine zeitnahe Rückmeldung und stehen für ein Gespräch jederzeit zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Jan Boese, Präsident
Gewerbeverein Rüsselsheim 1888 e.V.
Juni 2026